Von Disziplin, BE-Faktoren und anderen Geistern

Es gibt Situationen im Leben, da fehlt mir die Disziplin. Dazu gehören Essen, Sport und seit einigen Monaten auch (wieder) die Therapie meines Typ-1-Diabetes. Und ich habe immer mehr das Gefühl, dass sich das alles unter dem Thema „Selfcare“ zusammenfassen lässt. Während ich denke, dass ich mich gut um mich kümmere, weil ich mir Freiheiten lasse, vernachlässige ich mein wirkliches Wohlergehen.

Im letzten Sommer

Es gelang mir noch nie sehr gut, mich um mein Leben und den Diabetes gleichermaßen zu kümmern. Bis zum Sommer 2018 gewann in irgendeiner Form der Diabetes immer wieder. Auch wenn es davor schon immer mal Motivationstiefs gab, war es keine bewusste Entscheidung gegen ein vernünftiges Diabetes-Management. Aber passierte es dieses Mal jetzt bewusst?

Als ich im letzten Sommer für zwei Monate in eine WG zog, war mein erster Impuls, den Diabetes möglichst „klein“ und als nicht störend zu präsentieren. Dazu gehörte für mich, nicht bei jeder Mahlzeit erst einmal minutenlang an meiner Pumpenfernbedienung zu fummeln – ich entdeckte den Quick-Bolus für mich. Der Quick-Bolus funktioniert bei meiner Insulinpumpe über zwei Knöpfe an der Pumpe selbst, an denen sich quasi „blind“ und ganz nebenbei in 0,5er-Schritten die Einheiten einstellen lassen.

(Einen Beitrag von mir aus der Zeit gibt es in der Blood Sugar Lounge!)

Da meine Blutzuckerwerte durch den neuen Alltag eh ziemlich durcheinander waren, war nicht deutlich zu erkennen, welche Hypers und Hypos dadurch entstanden, dass ich einfach meine BE-Faktoren ignorierte. In meiner Welt der 0,5er-Schritten gab es rund um die Uhr den Faktor 1 – was nicht allzu sehr von 1,1 – 1,2 – 1,0 über den Tag verteilt abweichte, aber eben doch einen Unterschied machte. Aber für 8 Wochen sollte das doch gehen?!

Plötzlich lebendig

Es änderte sich so vieles (vor allem in mir) und ich hatte gar keine Lust mehr, ein anderes Leben zu führen. Eines, wo andere Dinge als Sommer, gute Menschen und Wein wichtig waren. Ich versuchte mir aus dieser Zeit möglichst vieles zu erhalten und irgendwie gehörte die Übernahme des undisziplinierten Diabetes-Managements dazu.

Die Pumpen-Fernbedienung kommt viel zu selten zum Einsatz und damit der darin integrierte Bolusrechner ebenfalls. Ebenso handhabe ich es mit Basalratentests oder sinnvollen Bolusanpassungen bei fettigem Essen o.ä. – ich ignoriere es.

Nur meine Termine in der Diabetologie nehme ich regelmäßig wahr.

„Ändere nichts!“

Die ersten Termine nach meinem „Lebenswandel“ haben mich jedes Mal irritiert: Wunderbare Hba1C-Werte, ebenso gute TIR-Ergebnisse und ein zufriedenes Praxis-Team. Besser könne es nicht laufen und ändern solle ich sowieso nichts.

Gesagt, getan. Ich habe es mir bequem gemacht.

Das Problem

Nach einem Jahr funktioniert diese Taktik nicht mehr: Mein HbA1c hat sich verschlechtert und meine Nächte sind katastrophal. Und das Schlimmste: Eigentlich „darf“ ich nicht jammern – es ist ja selbst herbei geführt. Und trotzdem frage ich meinen Blutzucker, ob er mich verarschen will. Er stellt mir die gleiche Frage.

Das Ding ist: Ich kümmere mich um Diabetes! Nur nicht um meinen. Es ist zu meinem Job geworden, ständig mit Storys rund um Diabetes beschäftigt zu sein. Dadurch meldet mein Gehirn irgendwie, dass ich unfassbar aktiv bin, was die Materie angeht. Ich denke viel über Diabetes nach – sogar auch über meinen eigenen. Aber damit hat sichs dann auch wieder.

Nebenbei kommen immer mehr die alten Gefühle hoch, die ich die ersten Jahre nach meiner Typ-1-Diabetes-Diagnose hatte, eine schlechte Person mit Diabetes zu sein.

Die Lösung = Verzicht?

Natürlich weiß ich, was ich tun müsste, damit ich meinen Typ-1-Diabetes wieder „einfangen“ kann. Aber das ist so anstrengend, puh.

Mein erster Schritt ist, meine BE-Faktoren wieder ins Spiel zu bringen (und rauszufinden, ob diese überhaupt noch stimmen). Denn auch wenn ich nie eine wirklich gerade Linie im CGM-Verlauf hatte, die Spitzen nach oben und unten sind mir langsam einfach zu anstrengend. Außerdem möchte ich so gerne mal wieder durchschlafen und daran hindern mich seit einiger Zeit einfach die schlechten Blutzuckerwerte.

Einerseits ist es ja relativ unkompliziert mit einer Insulinpumpe und der Auswertung über ein CGM seinen Blutzucker nachts einzustellen – schließlich isst man da ja für gewöhnlich nicht und es geht nur um die Basalrate und das beachten eines eventuellen Dawn-Phänomens. Deswegen lief das bei mir auch lange ganz gut. Aber um mir wieder ein Bild von der Lage machen zu können, müsste ich mich abends mit Weinschorle oder späten Snacks mal zurückhalten. Und das wäre Verzicht. Und mit Verzichten bin ich echt nicht gut.

Mehr Gedanken zum Verzicht und Selfcare wird es im nächsten Post geben!

1 Kommentar zu “Von Disziplin, BE-Faktoren und anderen Geistern”

  1. Liebe Katharina, was hältst du davon, erstmals nur in ganz kleinen Schritten vorzugehen? Bspw. für einen guten nächtlichen Verlauf sorgen oder bei den Mahlzeiten konsequenter Faktoren und SEA anwenden? Wenn es kleine Erfolgserlebnisse gibt, fällt der nächste Schritt leichter.
    Ich drück dir die Daumen😘

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