Weltgesundheitstag / Thema: “Depressionen – Let’s talk”

Am 7. April ist der Weltgesundheitstag. Nachdem dieser im letzten Jahr dem Thema Diabetes gewidmet war, geht es 2017 um Depressionen. Beides Themen, die mich beschäftigen – und vor allem auch betreffen. Leider handelt es sich dabei um keinen seltenen Zufall, denn (Typ 1) Diabetiker haben ein fast doppelt so hohes Risiko an Depressionen zu erkranken als gesunde Menschen. Aus meiner Sicht ist das kein Wunder. Einerseits bringt der Diabetes mehr oder weniger eine Sonderstellung in der Gesellschaft mit sich, mit der jeder für sich umzugehen lernen und dabei so manche Sprüche verkraften muss. Andererseits bleibt dieser dauernde Kampf um die perfekten Blutzuckerwerte, den niemand ohne Ausnahmen gewinnen kann und somit immer wieder vor einer persönlichen Niederlage steht.
Manchmal dauert das Gefühl, dem allem nicht gewachsen zu sein, einen Tag an und dann kommt man wieder auf die Beine. Manchmal nimmt es aber auch ein Ausmaß an, das alles andere im Leben überschattet. Wenn das der Fall ist, ist das keine Schwäche der Persönlichkeit oder – im Falle von Typ 1 Diabetes – Unvermögen im Diabetesmanagement, sondern es ist eine Krankheit.
Depressionen sind eine Krankheit, die sich niemand selbst aussucht oder einbildet.
Depressionen müssen ernst genommen und behandelt werden!
Als meine Depression 2010, zu dem Zeitpunkt war ich 19, diagnostiziert wurde, hatte ich mich selbst in eine psychiatrische Tagesklinik einweisen lassen. Bereits einige Jahre zuvor sagte mir meine Hausärztin, ich hätte “depressive Verstimmungen”, was einer leichten, bis mittelschweren Depression gleichzusetzen ist, doch unternommen wurde in dem Moment von keiner Seite aus etwas. Als ich beschloss, mir Hilfe zu suchen, tat ich das nicht mit dem Gedanken: “Gut, ich bin depressiv, da brauche ich natürlich Unterstützung.” Ich machte es, weil ich kein normales Leben mehr führen konnte, weil ich Ängste hatte und traurig war – und weil ich der Meinung war, dass das alles meine eigene Schuld wäre.
Nach Gesprächen und (Blut-)Untersuchungen (unter anderem des Serotonin und Cortisol-Wertes) stand die Diagnose fest, ich hatte offiziell Depressionen. Ich war krank und nicht zu schwach. Ich war krank und nicht faul, nicht nutzlos, nicht nur traurig. (#notjustsad)
Einige Zeit, bevor die Diagnose bei mir gestellt wurde (und auch in der Anfangszeit danach) gab es Verständnisschwierigkeiten mit dem Begriff “Depression”. Von einer damaligen Freundin wurde es mit “depri-sein” gleich gesetzt. Was in dem Fall ein Synonym für “einen schlechten Tag haben”, “traurig sein, weil der Schwarm ne andere angelächelt hat” oder “keinen Bock auf das regnerische Wetter haben” war. Aber darum ging es bei mir nicht.
Zu der Zeit gab es auf meinem Radar aber auch keine Jana Seelig oder andere “Diabetes-Aktivisten”, wenn das ein angemessener Begriff für Betroffene ist, die versuchen, die Stigmatisierung in der Öffentlichkeit zu beenden. Ich hatte nichts und niemanden, an dem ich mich orientieren konnte. Zudem waren Depressionen ein noch viel größeres Tabuthema als heute. Im Prinzip gab es sie einfach nicht. Und wenn doch, warum sollte man darüber reden?
Seit dem Tag meiner offiziellen Diagnose habe ich mich nie dafür geschämt, in einem Gespräch fallen zu lassen, dass ich depressiv bin. Warum auch? Sollte ich mich schämen? Nein. Treffe ich dadurch aber vielleicht andere Betroffene, die mit mir (oder einer x-beliebigen Person) darüber reden mögen? JA.
Als meine Depressionen festgestellt wurden, hatte ich seit 2 Jahren Typ 1 Diabetes. Zu dem Zeitpunkt habe ich zwischen den beiden Krankheiten keinerlei Zusammenhang hergestellt. Vielleicht war er da und ich habe ihn nicht wahrgenommen, vielleicht gab es ihn aber wirklich nicht.
Heute gehören schwankende Blutzuckerwerte und das Leben mit Typ 1 Diabetes im Allgemeinen durchaus zu meinen Triggern, die zu einer depressiven Phase führen können.
Aber Depressionen haben eben noch so viele andere Auslöser, die individell und manchmal auch schwer zu greifen sind. Depressionen können jeden (be)treffen. Chronisch krank oder nicht. Leute, die oberflächlich betrachtet alles haben, was sie brauchen, um glücklich zu sein, können genauso gut Depressionen haben wie arme, einsame Menschen.
Manche Psychotherapeuten nennen das Krankheitsbild einen Beinbruch der Seele. Zur Verdeutlichung, dass Depressionen jeden Treffen können, aber auch zur Sensibilisierung der Ernsthaftigkeit.
Um meine Depressionen managen zu können, nehme ich seit der Diagnose Antidepressiva. Jeder sollte für sich entscheiden, ob er einen Weg mit Medikamenten oder ohne einschlagen will, schließlich sind diese Tabletten nicht uneingeschränkte Glücklichmacher. In einem Abstand von drei Monaten habe ich Termine bei meiner Neurologin, die mir die Antidepressiva verschreibt, aber auch Blutwerte kontrolliert und mit mir über die Dosierung oder den Verlauf der Therapie spricht. Außerdem gehe ich zur Psycho- und zur Points and Positions Körpertherapie. Auch eine Ergotherapie kann hilfreich sein.
Der Weltgesundheitstag soll in diesem Jahr Depressive dabei unterstützen, ihre Erkrankung ernst zu nehmen, sie behandeln zu lassen und sich selbst wegen der Depressionen nicht wertlos zu fühlen (auch wenn das ein Symptom der Depression sein kann).
Weitere Symptome einer Depression können u.a. sein:
  • keine Freude mehr empfinden, auch nicht bei den eigentlich Lieblingsbeschäftigungen
  • Hoffnungslosigkeit, du kannst dir nicht vorstellen, dass es dir je besser geht
  • Antriebslosigkeit, du hast nicht das Gefühl, dich darum kümmern zu können, dass es besser wird
  • kein Selbstwertgefühl, du denkst, du bist es gar nicht wert, dass dein Leben wieder schöner wird
  • Müdigkeit oder Schlafstörungen, du fühlst dich nie erholt und fit und wartest den ganzen Tag darauf, dich wieder im Bett verkriechen zu können
  • Sozialer Rückzug, du willst alleine bleiben und denkst, niemand versteht dich, niemand kann dir helfen
Ebenso können ein anderes Essverhalten, Aggressionen, ständiges Kranksein (auch körperliche Schmerzen) Anzeichen sein. Ich kann hier gar nicht alle Symptome auflisten, ohne ein individuelles Anzeichen zu vernachlässigen oder etwas wichtiges zu vergessen.
Vielleicht lässt es sich damit zusammenfassen, dass bei einer Depression nichts mehr so ist wie vorher – und das im negativen Sinne.
Solltest du dich oder jemanden, der dir nahesteht, in diesen Punkten wiederfinden, suche dir Unterstützung, kontaktiere Hilfestellen!
Laut frnd.de vergehen 11 Monate einer Depression, bis der Betroffene ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt. Bitte versuche, dir selbst früher Hilfe zu suchen. Desto eher wird es dir besser gehen; selbst wenn du mir in diesem Moment nicht glaubst, dass es wieder besser werden kann.
  
Hilfe findest du via Internet, Telefon oder im persönlichen Gespräch beim Arzt deines Vertrauens. Du wirst Tipps und Unterstützung bekommen, einen Weg zu finden, die Depression zu überstehen.
Bei weiteren Untersuchungen oder Gesprächen, wirst du mehr über dein Krankheitsbild erfahren. Denn Depressionen haben nicht einen immer gleichen Verlauf, es gibt verschiedene Formen der Erkrankung und damit auch verschiedene Hilfen.
 
Neben verschiedenen Therapien kannst du dir auch selbst helfen. Mit der Zeit lernt man das, versprochen! Du kannst dein Leben so gestalten, dass es dir eine gute Basis für gute Zeiten bietet: Gute, gesunde Ernährung (aber dann auch der Eisbecher zwischendurch), Bewegung und Entspannung, frische Luft und die Sonne (Vitamin D) und soziale Interaktion sind Beispiele dafür.
Der Weltgesundheitstag richtet sich mit dem Thema Depressionen aber auch an Verwandte, Freunde, Bekannte und Partner von Betroffenen. 
Denn diese können eine große Stütze in dieser Zeit sein. Das ist kein leichter Job, denn Depressive können unfair, ungnädig und unausstehlich sein. Aber das darf kein Grund sein, sie damit alleine zu lassen.
Verhaltensweisen, die ich mir in einer depressiven Phase wünsche sind z.B.:
  • den Zustand akzeptieren! Verstehen, dass ich gerade nicht glücklich sein kann, obwohl das Gegenüber es sich wünscht
  • den Zustand ernstnehmen und nicht versuchen, es zu verharmlosen! Das führt zu Rückzug und macht die depressive Phase unter Umständen noch schwerer/schlimmer
  • einfach da sein, keinen Druck machen und die ganze Zeit fragen, was helfen würde! Vielleicht aber in einer guten Phase mal darüber reden, was derjenige denkt, was ihm helfen könnte, wenn es wieder soweit ist und das dann umsetzen
  • keinen Druck (oder ein schlechtes Gewissen) machen! Damit meine ich, sprich bitte nicht aus, dass es auch nicht leicht für dich ist oder frage, ob euer Ausflug morgen trotzdem steht
  • Im Notfall handeln und einen Arzt oder den Psychologen kontaktieren!
    Denn mindestens 50% aller Suizide werden aufgrund einer Depression begangen. Wenn du das hier liest, bitte ich dich, dass weder du noch jemand den zu kennst, Teil dieser Auswertung wirst bzw. wird.Warnsignale eines bevorstehenden Suizides oder eines -versuchs, findet ihr hier.
Es wird besser. Vielleicht gehen die Depressionen nie weg, vielleicht kommen sie sogar regelmäßig zurück. Aber das muss nicht bedeuten, dass dein Leben vorbei ist oder du nicht trotzdem viel öfter glücklich als depressiv sein wirst.
In den letzten Jahren habe ich gelernt, die Anzeichen einer Depression zu deuten, ich habe akzeptiert, dass es im tiefsten Moment nicht möglich ist, sofort rauszukommen und ich habe verstanden, dass eine Depression vorbei geht. Mit Hilfe.
Links zum  Weltgesundheitstag und Depressionen:
www.frnd.de (eine Seite, auf der ich selbst viel gelernt und mich plötzlich verstanden gefühlt habe)
Bücher, Blogs und Videos zum Thema, die mir am Herzen liegen:
Unter dem Label #Kopfkram und #Depressionen findet ihr auf meinem Blog von mir verfasste Beiträge über depressive Phasen.
Egal, wie es dir geht oder womit du kämpst: Du bist weniger allein, als du denkst.

*Affiliatelink

1 Kommentar zu “Weltgesundheitstag / Thema: “Depressionen – Let’s talk””

  1. Danke – ich bin grad in einer Phase, meinem Seelenleben wieder mehr auf den Grund zu gehen. Gestern war mein vierteljährlicher Termin bei der Neurologin. Meine Eckdaten: 56Jahre alt, 40 Jahre Typ1, 12 Jahre Diagnose Depression genauso lange Einnahme von Sertralin und immer die Hoffnung ein frohes stabiles Seelchen zu erreichen.

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