10. Diaversary – Was gibt’s zu feiern?

Wo sind die Luftballons, die ich mit der Nadel meines Katheters zum Platzen bringen kann?
Wer macht die Torte, mit den Deko-Ziffern „1“ und „0“, die meinen Blutzucker ein bisschen in Wallung bringt? Wie erzähle ich von meinem Diaversary ohne all diese Vorbereitungen? Ungefähr so:
Ich wollte dieses Mal einen besonderen Tag kreieren, ich wollte eine kleine Feierlichkeit, ich wollte vorbereitet sein. Diesen Post wollte ich längst fertig geschrieben und dazu schöne Fotos gemacht haben – mit solchen Luftballons in Zahlen-Form im Hintergrund. Aber entweder liegt mir das Ganze einfach nicht oder es war mein Wohlbefinden der letzten Tage, das diese Idee boykottiert hat. Nun sitze ich hier also am 21.01.2018 kurz vor 10 Uhr. Genau genommen hatte ich in diesem Moment vor 10 Jahren meine Diabetes-Diagnose noch nicht erhalten. Ich war erst am späten Nachmittag bei meinem Hausarzt, der mir – nach einem Piks ins Ohrläppchen – mitteilte, was los ist.
Eigentlich dachte ich in unregelmäßigen Abständen schon seit zwei Jahren über mein 10-jähriges Jubiläum nach. Genauso wie ich immer überlege, wie ich mich wohl an dem Tag fühlen werde, an dem ich länger mit als ohne Diabetes rumlaufe – bis dahin habe ich noch sieben Jahre Zeit. Also bleibe ich bei heute, im Jetzt. Und fühle mich dabei irgendwie gar nicht so sehr beeindruckt. Darum weiß ich nicht, ob ich die Situation überhaupt weiter aufbauschen sollte oder ob es reicht, dass ich heute mit meinem Typ 1-Diabetes nicht hadere. Ein bisschen Deko hätte ich trotzdem gerne.
In den letzten Wochen habe ich mich auf Momente konzentriert, in denen ich den Diabetes wahrnehme bzw. wann er mich stört, wann ich denke: „Was für ein Mist ist das eigentlich?“ und nahm dadurch die „No big Deal“-Minuten/Stunden/Tage ebenso besser wahr. Ich habe mir Gedanken über die „Mit Diabetes kann man heute (sehr) gut leben“-Aussage gemacht. Dabei kam ich, wie schon öfter, zu dem Schluss, dass ich das so nicht unterschreiben würde. Meiner Meinung nach kann man – genaugenommen: ICH – soweit gut mit der Therapie für Typ 1-Diabetes leben. Zumindest besser mit der Krankheit an sich, weil ich über die deutlich weniger Kontrolle habe als über die Therapie. Ich bleibe bei all den Insulin-Injektionen weiterhin krank und bin nicht geheilt, daran ist gar nicht so vieles gut. Sagte ich nicht im letzten Absatz, dass ich nicht hadere?
Mein Glück ist, dass mir durch die Typ 1-Diagnose wirklich gute Sachen widerfahren. Nicht automatisch, sondern unter anderem, weil ich vor fast drei Jahren beschlossen habe, diesen Blog zu starten und die Krankheit für das zu nutzen, was ich immer machen wollte: Schreiben, mich mitteilen, Menschen dadurch berühren und ihnen im besten Falle irgendwie zu helfen.
Ohne meinen Blog und die, die ihn auch noch lesen (verrückte Angelegenheit immer noch – danke dafür!), ohne Menschen, die beschließen, mich zu unterstützen, mich einzuladen oder mit mir zusammenzuarbeiten, ohne die Blood Sugar Lounge und vorallem ohne die Diabetes-Community im Allgemeinen und große Freundschaften, die daraus entstanden sind, im Speziellen, wäre das alles viel schwerer.
Ich werde mich jetzt um Kuchen kümmern – niemand sollte an solch einem Tag keinen Kuchen essen, egal ob mit oder ohne Diabetes.

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